07/09/2021

Mythen der intrinsischen und extrinsischen Motivation – über einfache Lösungen und falsche Schlüsse

Mythen zum Konzept der intrinsischen und extrinsischen Motivation halten sich hartnäckig – nicht zuletzt deshalb, weil sozialpsychologische Studien problematische Versuchsanordnungen anwenden, anstatt sich an den, in der Fachwelt konsentierten Gütekriterien der Objektivität, Reliabilität und Validität zu orientieren. Ergebnisse dieser Studien gehen nicht selten in die Richtung einer „One size fits all“-Lösung. Steven Reiss hält mit seiner Forschung dagegen. Motivation – differenziert betrachtet – ist ausgesprochen individuell und immer intrinsisch, so Steven Reiss.

Mythen der intrinsischen und extrinsischen Motivation – über einfache Lösungen und falsche Schlüsse

Bestimmte Ziele sind allen gemeinsam
und tief verwurzelt in der menschlichen
Natur. Die Motivation, diese universellen
Ziele zu erleben, nennt man „intrinsische“
Motivation oder „Grundbedürfnis“.

Steven Reiss

Sozialpsychologische Experimente liefern nicht selten spektakuläre Ergebnisse, die uns auch nachvollziehbar erscheinen, weshalb sie dann auch von Medien aufgegriffen und uns in Form einfacher „Wenn-dann-Botschaften“ übermittelt werden. „Kinder lernen am besten, wenn...“ „Mitarbeiter*innen sind motivierter, wenn ...“ Oft stimmen wir instinktiv zu, wenn wir Derartiges lesen.

Was also motiviert Menschen?

Und vor allem: was können wir tun, um sie dazu zu bringen das zu tun, was wir von ihnen wollen? Um diese Frage zu beantworten, kommt nun in vielen Versuchsanordnungen ein wesentliches Element ins Spiel: die Belohnung. Was tun Menschen, um in den Genuss einer bestimmten Belohnung zu kommen? Nicht wenige, durchaus fragwürdige Experimente kommen zu Schlüssen, die sowohl intrinsische als auch extrinsische Motivatoren aufspüren.

Steven Reiss meint, dass die Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation keiner wissenschaftlichen Grundlage unterliegt.

„Ich bin davon überzeugt“, so Steven Reiss, „dass es 16 intrinsische Motive (oder Bedürfnisse) gibt, aber keine extrinsischen Motive. Jedes der 16 Motive ist in der Lage, das Interesse an einer Aktivität auszulösen, zu motivieren und jedes der 16 Motive kann zu Interesse an einer Belohnung führen.“

Ein einprägsames Beispiel

In einem Experiment wird einem Kind eine Belohnung für eine gute Zeichnung angeboten. Das Kind fertigt die Zeichnung an und erhält die Belohnung. In weiterer Folge interessiert uns, ob das Kind – von sich aus – nun weitere Zeichnungen anfertigt, nachdem es die Belohnung erhalten hat. Wenn es nicht mehr zeichnet, würde man dies als eine geringe intrinsische Motivation interpretieren. Wenn das Kind aber nun öfter zeichnet, nachdem es eine Belohnung erhalten hat, würde das nicht als Bestätigung einer höheren intrinsischen Motivation interpretiert werden. Man würde dann davon ausgehen, dass das Kind nach einer Belohnung strebte und somit extrinsisch motiviert war. „Das heißt, weniger Zeichnen unterstützt die Theorie, aber mehr Zeichnen widerspricht der Theorie auch nicht“, resümiert Steven Reiss.

Die kritische Lupe fehlt

Steven Reiss kritisiert, dass Studien, die das Konzept der extrinsischen und intrinsischen Motivation favorisieren, nicht kritisch genug unter die Lupe genommen wurden. Beispielsweise wurde dem negativen Aspekt von Belohnungen viel zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet.

Alfie Kohn beschreibt in seinem bahnbrechenden Buch „Punished by rewards“ die Auswirkungen eines falsch verstandenen Anreizsystems, das immer noch unsere Schulen und Unternehmen prägt.

Kohn greift auf Hunderte von Studien zurück und zeigt, dass Menschen tatsächlich minderwertige Arbeit leisten, wenn sie mit Geld, Noten oder anderen Anreizen gelockt werden. „Programme, die Belohnungen verwenden, um das Verhalten von Menschen zu ändern“, so Kohn „sind aber letztlich immer ineffektiv.“ Belohnungen für gutes Benehmen können nie mehr als vorübergehenden Gehorsam bewirken. Je mehr wir künstliche Anreize nutzen, um Menschen zu motivieren, desto mehr verlieren sie das Interesse an dem, wozu wir sie bestechen. Belohnungen verwandeln Spiel in Arbeit und Arbeit in lästige Pflicht.

Was ist die Alternative, wenn wir uns von Karotten und Peitschen verabschieden?

Für alle, die schon länger mit dem Reiss Motivation Profile® arbeiten, ist diese Frage nicht allzu schwer zu beantworten. Wenngleich dies nicht bedeutet, dass es einfach ist, individuelle Alternativen für gewachsene Systeme zu finden. Ganz im Gegenteil – Lösungen im Individuum zu finden, ist ein anspruchsvolles Ansinnen, denn diesem muss vorangehen, dass man sich mit Menschen beschäftigt, sich ehrlich auf einen Austausch einlässt, in dem es auch darum gehen muss, vom anderen zu lernen, und ihn nicht zu belehren. Und es verlangt Menschen in Systemen ab, dass sie sich bedingungslos auf die Beziehung mit Individuen einlassen – auch solchen, die ihnen Probleme bescheren. Und das alles ist eine schwierige, intensive, anspruchsvolle und zugleich befriedigende wie lohnende Arbeit. Aber – wie lange dauert es dann bitte, bis man damit zu Ergebnissen kommt? Vielleicht also doch lieber auf Karotten und Peitschen setzen?

Wissenschaftskritik schadet nicht

Vor allem dort nicht, wo einfache Wahrheiten in Form leichter Lösungen aufgetischt werden. Nicht selten werden wir feststellen, dass Studien schmerzhaft einfache Versuchsanordnungen verwenden, die einen klaren Fokus setzen, wesentliche weitere Einflusskriterien auf den Untersuchungsgegenstand aber schlicht negieren.

Gerade auf Studien zum kooperativen Lernen trifft dies immer wieder zu. Es sollte uns skeptisch machen, wenn diese zu einem „One size fits all“-Fazit kommen wie beispielsweise die Behauptung: Kooperative Lernsituationen ermöglichen allen Kindern die beste Entwicklung. Diese Haltung ist zugleich (ab)wertend und gefährlich. Denn damit legen die Vertreter*innen des Konzepts der intrinsischen und extrinsischen Motivation ihr Werteempfinden über alle anderen und das womöglich in der besten Absicht, dies sei zum Wohle aller. Leider wird nun jenen Kindern, die eher wettbewerbsorientiert sind, vermittelt, dass mit ihnen wohl etwas nicht stimmen kann, wenn sie den Wettbewerb genießen.

Intrinsische Motivation dagegen kann, nach Steven Reiss, so verstanden werden, dass sie die Freiheit des Menschen fördert. Dazu gehört natürlich auch die Freiheit, nach materiellen Lösungen (Belohnungen) zu streben.


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